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Editorial 2016

Trotz unserer tiefen Sehnsucht nach Liebe halten wir doch fast alles andere für wichtiger als diese: Erfolg, Prestige, Geld und Macht. Unsere gesamte Energie verwenden wir darauf zu lernen, wie wir diese Ziele erreichen, und wir bemühen uns so gut wie überhaupt nicht darum, die Kunst des Liebens zu erlernen.
Erich Fromm

Unter dem Motto Liebe. lädt das OSTERFESTIVAL TIROL 2016 zum 28. Mal über drei Wochen lang in Hall und Innsbruck zum internationalen Austausch: mit Alter und Neuer Musik, Tanz und Performance sowie Film und Gesprächen. Liebe ist in der heutigen Zeit eine der wichtigsten menschlichen Gefühlsausdrücke, in ihren unterschiedlichsten Ausformungen: vor allem das Verständnis und Mitgefühl für den Menschen, im Andere kennen- und verstehen lernen.

Das OSTERFESTIVAL TIROL widmet sich dieses Jahr bereits im Vorfeld Künstlerpersönlichkeiten, die stets auf der Suche nach dem Anderen waren und sind. Sie haben die Möglichkeit selten gezeigte Filme unter anderem von und über Anne Teresa De Keersmaeker, Merce Cunningham und Pier Paolo Pasolini (ab dem 5. März) zu sehen. Das OrgelSPIEL (an 5 Samstagen beginnend mit dem 20. Februar) und die 15 Orte (vom 5. bis zum 19. März) lassen mit Musik und vor allem Text als Inseln der Stille ein Innehalten in der sonst so getriebenen Zeit zu. .daneben, eine Serie von und mit Gerhard Crepaz, verführt Sie mit kleineren und größeren Impulsen in teilweise vergessene Welten abseits des Konsums.

Bereits die Eröffnung des diesjährigen Festivals (11. März) steht mit Musik von Schein, Haas, Scelsi, Nono und Pärt im Zeichen der Liebe, des Leides, der steten Zerstörung durch den Menschen aber auch der Zuversicht einen anderen Weg zu gehen. Diese Gefühle finden sich verstärkt in den beiden großen Passionen Johann Sebastian Bachs am Palmsonntag (Johannes-Passion unter Frieder Bernius) und Karfreitag (Matthäus-Passion mit Tiroler Musikern und den Wiltener Sängerknaben unter Johannes Stecher) wieder. Eine wunderbare Erfahrung verspricht innerhalb des Bach-Schwerpunkts die Interpretation der Kunst der Fuge mit den beiden großen Musikern Marinette Extermann und Johann Sonnleitner.

Es ist ein Glanz um Alles her, / du treibst mit mir auf kaltem Meer, / doch eine eigne Wärme flimmert
/ von dir in mich, von mir in dich; Anne Teresa De Keersmaekers Pas-de-deux zu Schönbergs romantischer Vertonung des gleichnamigen Gedichtes Richard Dehmels – Verklärte Nacht – führt in die Welt tiefer Gefühle von inniglicher Liebe und Vergebung (19. März). Musikalisch verstärkt erlebbar ist dieser emotionale Ausdruck im Konzert des expressiven Streichquartetts Quatuor Diotima (24. März) mit Schönberg (1. Streichquartett), Bartók (V. Streichquartett) und Fuentes (4. Streichquartett), ein intensiver Abend mit höchster Sensibilität.

Intime und tiefe Welten sind durch und über die Musik Morton Feldmans, in der Interpretation von John Tilbury und Carla Rees (16. März), wie auch durch die jungen Tänzer des Sead Bodhi Project in der Choreographie des belgischen Künstlers Etienne Guilloteau und der Live-Musik von unter anderem Carter, Feldman, Furrer, Mozart und Ligeti (13. März) zu spüren. Pure Freude an der Bewegung und am Tanz erleben Tiroler Laien mit Boris Charmatz’ Hommage an den großen Choreographen Merce Cunningham in Roman Photo (18. März) und der Performance (untitled) (2000) mit drei Solo-Tänzern des renommierten Künstlers Tino Sehgal.

Um Verständnis und neuen Aufbruch ringen das aus Tunesien stammende Choreographenpaar Aïcha M’Barek und Hafiz Dhaou in ihrem Stück Sacré Printemps ! (23. März) mit dem Aufruf: Lasst uns den Frühling befreien! Ein Gespräch um Frieden (14. März) und die Musik am Karsamstag – basierend auf einer historischen Begebenheit – stellen den Dialog und das Verstehen des Anderen ins Zentrum. Am Ostersonntag endet das Festival mit einem Feuerwerk der menschlichen Gefühle in Wim Vandekeybus’ neuem Stück Speak low if you speak love.

Wir wünschen allen eine anregende Zeit.