31. Osterfestival Tirol – heimat.welt

[…] Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil, vielleicht für immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmäulige Duldergrimasse zu schneiden. […]

Im traurigen Monat November war′s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermarchen

 

Nach all dem Menschenlärm und -Dust
in dir, geliebtes Herz, zu ruhn,
so meine Brust an deiner Brust,
du meine Heimat nun!

Stillherrlich glänzt das Firmament
in unsrer Augen dunklen Seen,
des Lebens reine Flamme kennt
kein Werden und Vergehn.

Christian Morgenstern: Heimat

 

Ein Mensch hat entweder seine Welt oder keine Welt. Und wenn er sie hat, so muss er sie pflegen und festhalten, weil sie zerstörbar ist. Das würde man heute den meisten
vergeblich raten, die meisten fliehen die eigene Welt, weil sie ihnen zu ernst, zu wahr und zu einsam ist.

Carl Hauptmann: Aus meinem Tagebuch

 

Heimat hat sich zu einem ethischen Symbol entwickelt, mit dem Charakter einer ausgesprochenen Alternativattrappe, bei der Heimat immer das „Weiß“ (richtig, gut)-Kennzeichen trägt, in welchen Antagonismus sie auch immer gesetzt wird: Heimat-Fremde, Dorf-Stadt, Vaterland-Feindland, verwurzelter Bauer-entwurzelter Städter, Heimatkunst-Dekadenzkunst, Natur-Technik, Tradition-Bindungslosigkeit, Stätte der Gottesbegegnung-Gotteslosigkeit. Heimat wird dadurch zum Aggressionssymbol gegen neue (fremde) Verhaltensmuster – getragen von jeweils sich bedroht fühlenden Gruppen.

Ina-Maria Greverus: Der territoriale Mensch

 

Heimat ist das, was in einem nicht sterben kann. Eine Illusion, die auch dann nicht verschwindet, wenn man nicht mehr an sie glaubt. […] Deklinierte Verwirrung: Migrant, Immigrant, Emigrant. Wissenschaftlich variiert: mulitkulturell, interkulturell, transkulturell. Die geläufigen Klassifizierungen können sich seiner nicht bemächtigen. Er verfängt sich nicht in begrifflichen Netzen, die andere Auswerfen. Mit jeder weiteren Zuschreibung weicht seine Irritation einem wachsenden Stolz.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

 

Identität, wie ich sie sehe, ist ein Prozess, kein abgeschlossener Zustand, keine feste, unabänderliche Größe. Sie beginnt und endet nicht im Jetzt, sondern ist aus Herkommen, aus Sprache, aus Vererbtem, Gelerntem, Gelebtem und Erfahrenem, aus Arbeit, Leid, Glaube, Liebe, Hoffnung, aus Vergessen und Erinnern, aus Ängsten und Sehnsüchten zusammengestellt, aus dem, was wir waren, was wir sind und was wir werden wollen. Sobald sich Identität verhärtet, eingrenzt oder von außen diktiert wird, verwandelt sie sich in ein Schlagwort, zum Vorwurf oder zur Maske. Identität orientiert sich an Bindungen und Bindungen können lebensbejahend oder zerstörerisch sein.

Maja Haderlap: Im langen Atem der Geschichte

 

Heimat ist viel eher Ursprung von Innerlichkeit; es umfasst das ganze Bündel, das unser Aufwachsen an einem Ort  ausmacht, zusammen mit unserer Familie. […] Mag Heimat auch ein Wort der deutschen Sprache sein – was es beinhaltet, gehört letztendlich keiner Sprache an, umso weniger in Europa.

Roberta Dapunt: Heimat ist mehr als Ort und Sprache

 

Die Welt war in „Ich“ und „Das fremde Land“ zerbrochen. Ich nannte es „mein Mann“. Wenn ich „meinen Mann“ anschaute, sah ich, was er nicht sah. Er hatte kein Mondgesicht, sein Gesicht war ein Weizenkorn, länglich und hart. Ich konnte mich darin nicht ausruhen. Er war damit beschäftigt zu keimen, zu sprießen, zu reifen, bis zur nächsten und übernächsten und überübernächsten Ernte. Wie schlief dieses Gesicht? Ich wollte es in die Hände nehmen und glätten, aber es machte mir Angst. Aus seinen Worten schlüpften sogleich Taten heraus. Kam eine Idee auf, ließ er sie nicht schweben, sie war kein Luftballon, dem man zuschaut, sogleich hat er sie gepackt, auf den Boden gezogen und einem Plan unterworfen. Uhrzeit, Ortsbestimmung, Ablauf, Absicherung gegen Zufall. Um hier heimisch zu werden, meinte ich, „meinen Mann“ zu den alten Menschen machen zu müssen, die lieber Episoden erzählten und Träumen nachhingen als handelten. Diese Aufgabe türmte sich vor mir auf wie die unverrückbaren Schneegipfel, die an klaren Tagen in der Ferne auftauchten.

Irena Brežná: Die undankbare Fremde