Das Herz des Menschen sehnt sich nach Zugehörigkeit. Kurz vor Weihnachten ist mir in der Innsbrucker Innenstadt, in der Nähe meines Hauses, ein älterer Mann aufgefallen. Er war offensichtlich verwirrt, auch ein wenig betrunken und fand nicht mehr zurück zu seinem Hotel. Im Trubel der Stadt verloren. Er stammte aus Südafrika und war mit einem Reiseunternehmen auf einer Viertagesreise „White Europe“ dabei auch einen Tag in Innsbruck. Nach mühsamen Recherchen konnten wir sein Hotel finden. Es gibt nicht nur diese „verlorenen“ Touristen; Umherirrende, die sich in der heillosen Überfülle optimierter Reiseangebote nicht mehr auskennen. In unserer Wohlstandsgesellschaft besteht neben der überaus großen Not einer physischen Obdachlosigkeit mindestens so intensiv das Problem einer seelischen Obdachlosigkeit. Nicht selten kommen psychische Erkrankungen dazu…

Der (im Evangelium von einem „unreinen Geist“ beherrschte) Mensch muß doppeltes Leid ertragen. Er irrt im Unbewohnbaren umher. Er ist sozial vollkommen isoliert und ohnmächtig gegenüber dem unbändigen Verlangen, sich selbst zu quälen und zu zerstören. Der Leidende (im Evangelium) sucht die Begegnung mit Jesus. Er läuft zu Jesus hin und wirft sich vor ihm nieder. Er spricht nicht selbst, sondern der “unreine Geist” spricht durch ihn. Er nennt Jesus „Sohn des höchsten Gottes“. Umgekehrt fragt Jesus den „unreinen Geist“ nach seinem Namen, und der antwortet: „Mein Name ist Legion; denn wir sind viele“: Einer und zugleich viele! „Legion“ ist (zu Jesu Zeiten) ein militärischer Fachausdruck, der die größte römische Heereseinheit mit bis zu 6000 Fußsoldaten bezeichnet…

(aus Die fremde Gestalt. Gespräche über den unbequemen Jesus von Hermann Glettler und Michael Lehofer)